#Fake: RAW Pho­to Tri­en­na­le 2023

Alle zwei Jahre findet in der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen die RAW Photo Triennale statt. Mit dem sehr geschätzten Daniel habe ich der Schau einen Besuch abgestattet.

#Fake: RAW Pho­to Tri­en­na­le 2023

3. Juni 2023

Alle zwei Jahre findet in der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen die RAW Photo Triennale statt. Mit dem sehr geschätzten Daniel habe ich der Schau einen Besuch abgestattet.

Mit­ten im Teu­fels­moor gele­gen ist das Dorf Worps­we­de vor allem für sei­ne Künst­ler­ko­lo­nie über­re­gio­nal bekannt.

Pau­la Moder­sohn-Becker, Fritz Macken­sen, Hans am Ende oder Hein­rich Voge­l­er wuss­ten das beson­de­re Licht in der Gegend bereits im aus­ge­hen­den neun­zehn­ten Jahr­hun­dert zu schät­zen und haben hier nicht nur Male­rei und Bild­haue­rei betrie­ben, son­dern der klei­nen Gemein­de mit sei­nen heu­te rund 1.000 Einwohner:innen zu einem Ruf als Hot­spot für Kunst­in­ter­es­sier­te in ganz Deutsch­land zu Popu­la­ri­tät ver­hol­fen.

Seit 2016 fin­det in dem hüb­schen Ört­chen die RAW Pho­to Tri­en­na­le statt, die natio­na­len wie inter­na­tio­na­len Fotograf:innen ein Forum und sei­nen Besucher:innen span­nen­de Ein­drü­cke in die zeit­ge­nös­si­sche Foto­gra­fie bie­tet.

Mit Dani­el, den ich über­aus schät­ze und aus mei­ner Foto­grup­pe ken­ne, hat­te ich mich bereits vor ein paar Wochen ver­ab­re­det, damit wir unse­ren unbän­di­gen Durst nach Kunst stil­len und vor allem einen schö­nen Nach­mit­tag in der Worps­we­der Kunst­hal­le könn­ten.

Am frü­hen Nach­mit­tag haben wir uns getrof­fen und uns in sei­nem Auto auf den Weg in die Künst­ler­ko­lo­nie gemacht.

Nach­dem wir uns ein wenig umge­se­hen hat­ten, war es erst ein­mal Zeit für eine Stär­kung. Zehn Minu­ten umher­lau­fen schlaucht halt. Also ab in ein Café und ein Heiß- bzw. Kalt­ge­tränk genie­ßen.

Die Foto­schau ist in die vier Kate­go­rien #Next, #Risk, #Fake und #Ego unter­teilt und befasst sich unter dem the­ma­ti­schen Über­bau “Tur­ning Point / Tur­ning World” mit den gegen­wär­ti­gen viru­len­ten Brü­chen in Poli­tik und Gesell­schaft.

Die Welt sei an einem Wen­de­punkt, Umwelt und Gesell­schaft sowie tech­no­lo­gi­sche Fort­schrit­te stell­ten das Gemein­we­sen vor nie dage­we­se­ne Her­aus­for­de­run­gen.

In der Aus­stel­lung #Fake, die Dani­el und ich uns ange­se­hen haben, ging es um Bild­wel­ten, in denen Wahr­haf­tig­keit und Fik­ti­on, Authen­ti­zi­tät und Fäl­schung nicht mehr von­ein­an­der zu tren­nen sind.

Beson­ders zuge­sagt haben mir dabei die Wer­ke der pol­ni­schen Foto­gra­fin Wer­o­ni­ka Gesi­cka und des bel­gi­schen Foto­gra­fen Max Pin­ckers.

Gesi­cka hat sich durch öffent­lich zugäng­li­che ame­ri­ka­ni­sche Bild­bi­blio­the­ken gear­bei­tet und Fotos des “Ame­ri­can Way of Life” der vier­zi­ger bis sech­zi­ger Jah­re auf teils humo­ris­ti­sche, teil ver­stö­ren­de Wei­se ver­frem­det.

Pin­ckers ist wäh­rend des letz­ten Wahl­kamp­fes mit Schauspieler:innen durch die USA gezo­gen und hat Bil­der insze­niert, die von erschüt­tern­der Inten­si­tät, aber eben nicht authen­tisch sind. Das lin­ke der bei­den Fotos über die­sem Absatz (oder das obe­re, wenn du die Sei­te auf dem Smart­phone ansiehst) insi­nu­iert einen Abschied.

Im Geis­te der Poli­tik Donald Trumps ent­stand bei mir schnell die Ver­mu­tung, es kön­ne sich um die Sze­ne einer bevor­ste­hen­den Abschie­bung aus dem “land of the free” hal­ten. Tat­säch­lich aber umar­men sich da zwei Schauspieler:innen.

Ich bin übri­gens der Mei­nung, dem Foto in einer Zeit­schrift, oder einer ande­ren Aus­stel­lung schon ein­mal begeg­net zu sein.

Durch­aus hilf­reich war, dass einer der Kura­to­ren der Tri­en­na­le, Wolf­gang Zuborn, durch die Aus­stel­lung geführt und die Foto­gra­fien künst­le­risch wie tech­nisch ein­ge­ord­net hat.

Dudes in Den­ker­po­se. Dani­el (rechts) und ich halt.

Zuborn ist Inha­ber der Köl­ner Gale­rie Licht­blick und lehrt Foto­gra­fie unter ande­rem in Ber­lin, Bre­men und Flo­renz.

Am meis­ten fas­zi­niert hat mich aber das Publi­kum. Prä­do­mi­nant alt und weiß, bil­dungs­bür­ger­lich und von so unglaub­lich dün­kel­haf­ter Selbst­re­fe­renz, dass Lori­ot einen gan­zen Spiel­film aus den all den klei­nen Momen­ten, die sich dort erge­ben haben, hät­te dre­hen kön­nen.

Da war die­se Frau, die vol­ler Mit­tei­lungs­be­dürf­nis erklär­te, dass sie nun zwei eher abs­trak­te Fotos inter­pre­tiert habe, als sei Inter­pre­ta­ti­on ein defi­ni­ti­ver und abschlie­ßen­der Pro­zess.

Da war der alte wei­ße Mann, der nicht zur Füh­rung gehör­te und sich in lächer­li­cher Wei­se echauf­fier­te, dass in der Aus­stel­lung gespro­chen wird — obwohl das Set­ting klar erkenn­bar war. Eine Per­son steht vor einer Grup­pe und doziert — what the fuck hät­te das sonst sein sol­len? Ein Kaf­fee­kranz mit Mono­log?

Da ich ein klei­nes Kon­sum­op­fer bin, muss­ten wir nach dem Besuch der Aus­stel­lung natür­lich noch im Muse­ums­shop vor­bei­schau­en und ich habe mir direkt ein klei­nes Büch­lein gekauft. “Das per­fek­te Foto” von Paul Lowe heißt es und wenn mei­ne Foto­gra­fien in der nächs­ten Zeit nicht zumin­dest annä­hernd per­fekt sind, habe ich es ent­we­der nicht gele­sen, nicht ver­stan­den — oder der Titel war gelo­gen.

Die freund­li­che Mit­ar­bei­te­rin im Shop wies uns dann hoch auf eine Frei­licht­aus­stel­lung über “Milieu­bil­der aus Nord­deutsch­land” hin, die wir kos­ten­los besu­chen könn­ten und die nur weni­ge Geh­mi­nu­ten auf einer Frei­flä­che in einem klei­nen Wäld­chen zu sehen sei.

Da wir zwar etwas Essen gehen woll­ten, aber noch aus­rei­chend Zeit hat­ten, haben wir uns die Aus­stel­lung eben­falls ange­se­hen.

Zum Abschluss des Tages sind Dani­el und ich dann noch in einen nahe­ge­le­ge­nen Gast­hof gefah­ren, um den Abend bei einem net­ten Abend aus­klin­gen zu las­sen. Die Spe­zia­li­tät dort ist das Essen vom hei­ßen Stein, bei dem ver­schie­de­ne Sor­ten Fleisch ser­viert wer­den, die dann selbst gebra­ten wer­den kön­nen. Und, nun gut, soll­ten.

Zudem konn­te Dani­el sowohl im Rah­men der Aus­stel­lung, als auch beim Restau­rant­be­such zwei her­vor­ra­gen­de Por­traits für sein unglaub­lich sehens­wer­tes Insta­gram-Pro­jekt >bremen.faces erstel­len. Dafür spricht er ihm unbe­kann­te, aber inter­es­san­te Men­schen an, denen er im öffent­li­chen Raum begeg­net und fragt, ob er ein Por­trait von Ihnen erstel­len dür­fe. Dabei sind schon jetzt so tol­le Foto­gra­fien ent­stan­den, dass du der Sei­te unbe­dingt mal einen Besuch abstat­ten und natür­lich gleich ein Abo und “gefällt mir” ver­ge­ben könn­test.

Am Ende des Tages steht das Fazit, dass es unbe­strit­ten ein rie­si­ges Glück ist, dass sich eine solch inter­es­san­te und rele­van­te Foto­schau vor den Toren Bre­mens eta­bliert hat. Bei der Füh­rung waren auch Besucher:innen aus Ham­burg und Wup­per­tal anwe­send, was zeigt, wel­che Strahl­kraft das rela­tiv jun­ge Foto­fes­ti­val bereits jetzt hat — und so freue ich mich wahn­sin­nig auf die nächs­te Auf­la­ge der Raw Pho­to Tri­en­na­le, die dann 2025 statt­fin­den dürf­te.